Die Arbeit stellt einen poetisch progressiven Gegenentwurf zur derzeit geplanten Bebauung der Ränder des Tempelhofer Feldes dar. Sie soll unter anderem aufzeigen, dass statt über ein Ja oder ein Nein zur Bebauung des Tempelhofer Feldes zu spekulieren oder zu polemisieren, mehr über die Art und Weise einer Einbindung des Feldes in die Stadt verhandelt werden sollte. Ebenso richtet er sich gegen den, durch den öffentlichen Druck entstandenen, verschüchterten Umgang mit der Freifläche. Zu der Einbindung in die Stadt gehört es sich mit den Grenzen und deren u.a. abschirmender oder verbindender Wirkung auseinanderzusetzen. Damit stünden das einfache Ja oder das einfache Nein, die vielerorts zu Religionsfrage aufgebauscht werden, einer wirklichen fachlichen Auseinandersetzung mit dem Tempelhofer Feld und dessen Bedeutung und Chance für die Stadt Berlin entgegen. Dennoch muss eindeutig festgehalten werden: Ein Nein zu jeglicher Bebauung des Feldes, wäre ein Ja zur Zerrissenheit der Stadt und zum Abgenabelt bleiben, der südlichen Bezirke.


Zentrale Peripherie

Ein vielgesichtiger, komplexer Ort, mit enormen stadträumlichen Problemen aber ebenso hohem Potential markiert den Südlichen Rand des Tempelhofer Feldes in Berlin. Über Jahrzehnte haben sich Schicht um Schicht immer mehr grenzbildende Funktionen angelagert und mitten in der Stadt eine Art periphere Zone entstehen lassen.

Die bisher streng als Grenze ausgebildeten südlichen Ränder des Tempelhofer Feldes müssen neu verhandelt werden, um die einzigartigen Qualitäten dieses Freiraums besser in den Stadtraum zu integrieren und auch bisher speziell im Süden davon abgeschnittene Bezirke daran teilhaben zu lassen. Somit ist es unerlässlich die Hindernisse Stadtautobahn, Fernbahn und S-Bahn zu überwinden. Doch das vorgeschlagene Projekt tut mehr als das. Statt auf dem Tempelhofer Feld, so wie derzeit geplant, „Stadt zu Spielen“ in dem ein paar wenige Blöcke und eine durch zwei Nadelöhre geführte Straße Urbanität erzeugen sollen und dabei trotzdem noch isoliert sind, sieht der Entwurf eine großmaßstäbliche Bebauung quer zu Autobahn vor welche sich aus der Stadt über die Autobahn, Fern und S-Bahn hinüber auf die große Freifläche entwickelt.


Freilegen der Potentiale des Ortes

Der Baukörper greift die berlintypischen Block- und Hofstrukturen auf und verbindet mit einer Abfolge von drei verschiedenen Höfen, das bisher abgeschnitte Ost-Tempelhof und angeschlossene Bezirke mit dem neuen Freiraum der Stadt. Dabei ist dem Entwurfsverfasser nicht entgangen, dass sich hier um eine zunächst sehr paradoxe Konstellation handelt. Die Idee des Projektes ist, aus der schwierigen Aufgabenstellung und den Widersprüchlichen Anforderungen und Gegebenheiten des Ortes eine neue eigenständige Architektonische Aussage und Qualität entstehen zu lassen. Und somit eine Gestalt zu entwickeln die nicht aus einer gekünstelten Form herrührt oder aus historisch zitierten Architekturgesten, sondern aus dem Erkennen und Bearbeiten eines städtebaulichen Problems und einer Sensibilität für die Phänomene des Ortes. Das Problem der Stadtautobahn soll also nicht architektonisch ignoriert werden sondern stellt eine gestaltgebende Kraft des Standortes dar. Dabei soll nicht eine rein technische Ästhetik zum tragen kommen auch nicht das Fremdkörperhafte sondern eben die Verschmelzung der städtebaulichen architektonischen Aspekte zu einem neuen Ganzen, welches die Potentiale des Ortes freilegt, sich in die Stadtstruktur einfügt und dadurch eine neue Architektonische Position darstellt.


Solitär und Blockrand

Die Schizophrenie des Ortes findet einen Widerhall und Versöhnung in der Architektur. So verbinden sich mit der Überbrückung der Verkehrsinfrastrukturen, die Leere des Feldes mit der Dichte der Stadt, der überregionale Bezug der Autobahn und Fernbahn mit der absoluten Lokalbezogenheit der Wohngebiete. Das Gebäude reagiert mit seinen Nutzungen und Fassaden auf die unterschiedlichen Durchquerungsarten und Wahrnehmungsgeschwindigkeiten.
In einer Abfolge von drei Plätzen stülpt sich der öffentliche Raum aus dem dichten Stadtgefüge hinaus auf die große Freifläche des Tempelhofer Feldes. Diese platzartigen Höfe sind verschieden proportioniert und liegen auf unterschiedlichen Ebenen. Man gelangt von Hof zu Hof und von Ebene zu Ebene. Der Raum verengt und weitet sich wieder um schließlich in den oberen Hof zu münden, ein städtischer Platz der in die Weite gerichtet ist. Ein Platz des direkten Zwiegesprächs zwischen präzise gefassten (Stadt) Raum und fast endloser Weite, zwischen erhabener Entrücktheit und dem sich unter der Oberfläche hindurchdrückenden Verkehrsadern, zwischen steinerner Urbanität und dem wallenden Wiesenmeer.

Der absoluten Ungleichheit der neu miteinander verbundenen Stadtbereiche entspricht auch die räumliche Wirkung die die Baubauung von den beiden Seiten hat. Aus der Stadt nimmt man eine kleine Lücke im Bockgefüge wahr und kann die andere Seite, die Leere ahnen, sie aber nicht sehen. Vom Feld gleicht die Wirkung der eines Solitärs, wobei sich die Silhouette in den „Horizont der Zeichen“ einreiht, den die Stadt hier bildet.


Wohnen direkt über der Autobahn

Das Projekt lässt verschiedene Definitionen von Außen und Innen zu, an denen sich die jeweiligen Nutzungen orientieren. So werden das Durchwohnen von Hof zu Straße und das Wohnen entlang einer Brandwand thematisiert, sowie Wohnateliers in Nord-Süd Ausrichtung mit den Wohnbereichen zum Hof und Ateliernutzungen nach Norden in Richtung T.-Feld und Autobahn. Zwischen dem oberen Hof und Stadtautobahn, in Ost-West Richtung orientieren sich Patiowohnungen mit einem verglasten Innenhof als zusätzlicher Schall und Klimapuffer. Das Wohnen an der Autobahn, gehört in Berlin zur städtischen Realität ohne jedoch als solches thematisiert zu werden.


Durch die komplexe Einbindung ins Stadtgefüge und die verschiedenen Arten sich dem Gebäude zu nähern bzw. es zu durchqueren ergeben sich unterschiedliche Artikulationen der Fassade um den unterschiedlichen Wahrnehmungsgeschwindigkeiten Rechnung zu tragen. Zur Stadtautobahn erscheint das Äußere großmasstäblich, durch Vierendeelträgerstrukturen und die darüber befindlichen Patios gegliedert, mit einer geschlossenen Wirkung als schützende Hülle. Im Innern, hier wo der Flaneur es durchquert und möglicherweise auch berührt erscheinen die Fassaden feingliedriger und eher filigran, eine Art Ausdruck des Menschlichen Maßstabs, mit konkav gewölbten horizontalen Bändern um das ‚Innen-sein‘ zu artikulieren. Diese Inneren Fassaden sind deutlich tiefer ausgebildet als Reaktion auf die starke Öffentlichkeit der Höfe.







Zahlen:

BGF:

EG: 12.379 qm
1.OG: 14.589 qm
2.OG: 10.413 qm
RG: 10.955 qm (4x)

ges.: 81.201 qm BGF


Wohnungen:

1.OG:
16 Wohnungen
(8 Atelier, 4 Brandwand, 4 Durchwohnen)

2.OG:
26 Wohnungen
(10 Atelier, 8 Durchwohnen, 8 Brandwand)

RG:
50 Wohnungen
(24 Patiowohnungen, 10 Atelierwohnungen, 8 Durchwohnen, 8 Brandwand)


ges.: 242 Wohnungen










Aktuell

Autobahnüberbauung Tempelhof, Berlin [PRJ]2013/2014
bwknitter tempelhofer feld perspektive autobahn

bwknitter tempelhofer feld schwarzplan

bwknitter tempelhofer feld perspektive feld

bwknitter tempelhofer feld regelgeschoss

bwknitter tempelhofer feld schnitt

bwknitter tempelhofer feld perspektive stadt

bwknitter tempelhofer feld perspektive hof

bwknitter tempelhofer feld perspektive patiowohnung

Arbeiten

(AUSWAHL)



  • Transformation Plattenbauten TYP IW64/BRBRG2013 - 2018
    bwknitter transformation plattenbau Isometrie 01
  • AZIENDA AGRICOLA, Pari, Toscana2008 - 2016
    bkknitter azienda agricola EG



    bwknitter azienda agricola OG



    bwknitter azienda agricola sommer b
  • Rauminstallation zu Arien von Giacomo Puccini2008
    „Tu, che di gel sei cinta,
    da tanta fiamma vinta,
    l‘amerai anche tu!
    Prima di questa aurora
    io chiudo stanca gli occhi,
    perché egli vinca ancora
    Per non verderlo più!“





    „... È venuto!
    Io non gli scendo incontro.
    Io no. Mi metto là
    Sul ciglio del colle e aspetto,
    e aspetto gran tempo
    e non mi pesa
    la lunga attesa.
    E uscito dalla folla cittadina
    Un uomo, un picciolo punto
    s'avvia per la collina
    Chi sará? Chi sará?
    E come sará giunto
    Che dirá? Che dirá?
    Chimera 'Butterfly!'
    (...)“
  • Modernes Tanztheater, St. Petersburg [PRJ]2008
    bwknitter modernes tanztheater  grundriss



    bwknitter modernes tanztheater schnitt quer
  • Passivhochhaus am Nordhafen. Berlin [PRJ]2006/2007



    bwknitter Wohnturm am Nordhafen Grundriss bwknitter hochhaus am Nordhafen iso
  • Bad an der Fischerinsel. Berlin [PRJ]2005
    bwknitter bad an der fischerinsel lageplan bv

Kontakt

Björn Werner Knitter - Dipl. Ing. (UdK) Arch.
Gustav-Adolf-Str. 14 13086 Berlin


www.bwknitter.de